Bauch, Beine, Po

08.05.2018

Frisch aus dem Urlaub zurückgekehrt, zeigten sich auch dieses Jahr wieder die üblichen Begleiterscheinungen des ungehemmten Laisser-faire: gut genährte Hüftpolster, schlaffe Muskulatur und verkürzte Sehnen. Myanmar ist wohl einer der besten Orte auf der Welt, um solche Urlaubsnebenwirkungen zu forcieren. Es ist schier unmöglich in diesem Land, auch nur wenige Meter den eigenen Koffer zu tragen oder den Stuhl im Restaurant selbst heranzuziehen, zu schnell und zu zuvorkommend sind die Menschen dort.

 

Bauch, Beine, Po 1

 

Während meine Frau als Antwort auf solch drohenden körperlichen Verfall am liebsten noch am Tag des Rückfluges zum Yoga oder ins Fitnesscenter eilt, lasse ich mir gern etwas mehr Zeit. Ich ziehe sowieso die nutzenbringende Bewegung vor, und die will geplant sein. Konkret bedeutet das zum Beispiel, den Garten nach dem Winter wieder in Schuss zu bringen. Sechs Monate couragiertes Nichtstun eignet sich hervorragend als Vorbereitung für mehrere Tage Fitnesstraining, garantiert das doch zum Start schon mal Lkw-weise herumliegende Blätter. Wer behauptet, Gartenarbeit wäre doch sowieso kein Sport, hat noch nie einen ganzen Tag im Garten gearbeitet. So ein Garten bietet ein fast unerschöpfliches Repertoire an Übungen, die den Körper bis an die Schmerzgrenze trainieren, und dies sogar überwiegend ohne stupide Wiederholungen wie in der Muckibude. Sind die Laubberge abgetragen, findet sich darunter in der Regel ein erfreulich langer, nassfeuchter Rasen, mit dem sich die kardiovaskuläre Fitness weiter trainieren lässt, je nach Grundstücksgröße und Mäher bis zu einer Ganztages-Trainingseinheit. Wer danach seinen Oberkörper in Form bringen will, und davon gehe ich bei uns Männern einfach mal aus, findet unzählige Möglichkeiten für kurze Maximalbelastungen der Oberkörper-Muskulatur. Zentnerschwere Gartenbänke, Tische, Stühle, Heizpilze, Laubsäcke, Tonnen und Schlauchwagen müssen aus dem Gartenhaus wieder an den richtigen Platz gebracht und tüchtig geschrubbt werden. Der Weg mit Gummisohlen über den nassen Rasen mit schwersten Gegenständen erweitert dann auch gern mal die Bandbreite der Übungen im Garten um überraschende Dehnungen der Sehnen und der Rumpf-Muskulatur: Der spontane, unfreiwillige Spagat zählt zu den wirksamsten Übungen im Garten überhaupt.

Insgesamt ist Training im Garten viel abwechslungsreicher als im Fitnesscenter, wo Umlenkrollen und Seilzüge jede Bewegung so weit kontrollieren, dass sie garantiert nur noch einen einzigen Muskel trainieren. Im Garten dagegen können auch vermeintlich einfache Übungen durchaus ganze Muskelgruppen beanspruchen. Wenn Sie beispielsweise mit den Füssen oben auf das Laub in der Biotonne steigen, um noch mal Platz zu schaffen, kann diese Übung für die Oberschenkelmuskeln deutlich an Anspruch und Schwierigkeitsgrad zulegen, wenn Sie plötzlich fast unten in der Tonne stehen und erstmal nicht mehr rauskommen. Ähnliches gilt auch für Klimmzüge, wenn die Leiter beim Reinigen der Dachrinnen unerwartet seitlich aus dem Zugriff schwindet. Selbst das simple Entfernen von Ranktrieben aus dem Dachgebälk, oft eher als körperlich weniger anspruchsvoll eingeschätzt, wird sofort olympiaverdächtig, wenn man mit dem Trieb überraschend ein gut besuchtes Wespennest aus dem Dach löst.

Unangefochten das beliebteste Programm bei gärtnernden Männern ist und bleibt aber das Training des rechtsseitigen, sexy Unterarmmuskels, den man so in seiner schönsten Form nur durch Freeclimbing oder eben stundenlanges Arbeiten mit dem Dampfstrahler bekommen kann, auch wenn man danach für Stunden ohne fremde Hilfe kein Glas und keine Tasse mehr halten kann, ohne den Inhalt zu verschütten. Da diese Übung am Ende den Sportler auch noch mit einer blitzeblanken Terrasse belohnt, ist sie ohnehin jedem möglichen Trainings-Glücksgefühl im Gym weit überlegen.

Genau das macht für mich den wahren Unterschied: Während im Fitnesscenter am Ende doch wieder alle Gewichte an der alten Stelle liegen, ist nach so einer Gartenfitnesswoche eben auch der Garten kaum noch wiederzuerkennen. Der Blick ins jetzt wieder ordentliche Grüne ist dann genauso zusätzliche Belohnung für die Quälerei wie der anschließende Gang auf die Waage.

Autor: Ralf Joest, Gartendesing Inspiration Ausgabe 1/2018
Foto: Hodel & Partner, Kaiserhof, Malters

Falls Sie jetzt am liebsten auch sofort loslegen wollen, aber selbst keinen Garten haben, melden Sie sich doch bitte einfach bei uns.